Von Angsthasen, Fehlerkultur und Vergebung

Nicht mal Netflix bietet so viel Drama – Das Ende der Jesusgeschichte nach Johannes

Nicht mal Netflix bietet so viel Drama – nicht einmal die aufwendigsten Serienformate unserer Zeit bringen ein Drama hervor, das an Intensität, an innerer Spannung und an tragischer Tiefe mit dem Ende der Jesusgeschichte im Johannesevangelium mithalten könnte. Was sich dort entfaltet, ist eine Geschichte von Macht und Ohnmacht, von Loyalität und Verrat, von Wahrheit und Manipulation – und alles ist erschreckend aktuell.

Der Weg Jesu ans Kreuz ist kein frommes Idyll. Er ist, wie es Jonas Bedford-Strohm einmal formuliert hat, ein „atemberaubende Gemengelage aus weltlicher Macht, religiösem Fanatismus, Massenpsychose und geopolitischen Interessen“ (Jonas Bedford-Strohm, Denkskizzen 115).

Da ist der machthungrige Hohepriester. Da ist der strategisch kalkulierende Kolonialher. Da ist der opportunistische Verräter. Da ist der leidenschaftliche Angsthase. Da ist der populistisch aufgestachelte Mob. Und da ist der ultimative Sündenbock. All das gipfelt in einem Prozess, der gar kein wirklicher Prozess ist – weil das Urteil längst feststeht.

Macht und Religion

Der Prozess gegen Jesus sollte und konnte niemals fair sein. Hannas und Kaiphas, arbeiten eng zusammen. Die Dienstwege sind kurz – denn der aktuelle Hohepriester ist der Schwiegersohn seines Vorgängers. Befragungen finden hinter verschlossenen Türen statt. Transparenz gibt es nicht. Petrus bleibt draußen stehen. Macht sichert sich selbst. Macht schützt ihre Strukturen. Macht verteidigt ihre Sicht der Dinge.

So war das damals. Und wir tun gut daran, nicht von oben herab auf diese Autoritäten der jüdische Elite zu Jesu Zeiten zu blicken. Denn überall dort, wo Kirche mit konkreten Leidensgeschichten konfrontiert ist – gerade im Kontext sexualisierter Gewalt –, wird die Passionsgeschichte zum Spiegel.

Wo Aufklärung hinter verschlossenen Türen geschieht. Wo Loyalitäten wichtiger werden als Wahrheit. Wo Institutionen sich selbst schützen statt Verletzte. Macht und Religion sind eine gefährliche Mischung, wenn sie nicht transparent, rechenschaftspflichtig und demütig bleiben.

Populistische Verblendung

Für die eigentliche Drecksarbeit braucht es dann jemand anderen: Pilatus. Das fünfte Gebot soll besser er brechen. Aber Pilatus wiederum ist hin- und hergerissen. Er geht hinein zu Jesus. Er geht hinaus zum Volk. Mehrfach. Er schwankt zwischen innerem Zweifel und äußerem Druck. Er spürt: Hier steht ein Unschuldiger vor ihm. Und doch fehlt ihm die Klarheit – oder der Mut.

In seinem berühmten Satz „Was ist Wahrheit?“ verdichtet sich die ganze Tragik dieses Moments. (Joh 18,38) Im Johannesevangelium ist Wahrheit kein abstrakter Begriff. Wahrheit ist kein „Was“. Wahrheit ist eine Person. Wahrheit ist Beziehung. Das griechische aletheia meint das Nicht-Verborgene: das Offenbare, das sich Zeigende. Wahrheit ist das Fleisch gewordene Wort Gottes. Und dieses Wort steht Pilatus gegenüber.

Die Wahrheit wäre so einfach. Einen Unschuldigen richtet man nicht hin. Einem Hungernden gibt man zu essen. Reichtum behält man nicht für sich, wenn andere nichts haben. Man lässt Menschen nicht ertrinken. Man bombardiert keine Zivilbevölkerung. Und doch geschieht es. Immer wieder.

Die Welt hat ihn nicht erkannt – heißt es am Anfang des Johannesevangeliums (Joh 1,10). Und am Ende bringt sie ihn ans Kreuz. Populistische Parolen waren damals wirksam – und sie sind es heute. Einfache Wahrheiten, verkürzte Feindbilder, die Lust an der Empörung. Der Mob in Jerusalem ist uns nicht fremd. Wir hören seine Parolen auf den Straßen dieser Welt. Wir sehen sie in Kommentarspalten. Wir erleben, wie Menschen gegeneinander aufgehetzt werden. Das Johannesevangelium stellt uns damit eine unbequeme Frage: Wollen wir weltförmig sein – oder christusförmig?

Weltförmig oder christusförmig?

Diese Frage zieht sich durch das ganze Evangelium. Und die Antwort entscheidet sich nicht in einem einfachen Entweder-oder. Martin Luther hat für diese Gleichzeitigkeit den Ausdruck simul iustus et peccator geprägt – zugleich gerecht und Sünder.

Die Weltförmigkeit gehört zu uns. Das Rechthaberische. Das Selbstbezogene. Die Angst, zu kurz zu kommen. Der Wunsch nach Vergeltung. All das verschwindet nicht durch einen frommen Entschluss.

Christusförmigkeit hingegen ist kein Status, sondern eine Übung. Sie will gelernt werden. Immer wieder neu. Umkehr ist kein einmaliges Ereignis, sondern eine lebenslange Bewegung.

Der leidenschaftliche Angsthase und der erste Hirte

Diese Gleichzeitigkeit begegnet uns in einer Figur besonders deutlich: Petrus. In der Passion wird er zum leidenschaftlichen Angsthasen. Dreimal verleugnet er Jesus. Während Jesus sagt: „Ich bin es“ – und freiwillig seinen Weg geht –, sagt Petrus: „Ich bin es nicht.“

Im entscheidenden Moment distanziert er sich. Er schützt sich selbst. Wie menschlich das ist. Wie nachvollziehbar. Und wie schmerzhaft. Es gibt Momente, in denen unser Glaube, unsere Standhaftigkeit, unsere Loyalitäten geprüft werden. Damals waren die Mächtigen bei sich – nicht bei Gott. Die politischen Verantwortlichen waren beim Imperium – nicht bei Gott. Das Volk war bei der Lust am Leiden – nicht bei Gott.

Und Petrus? Er war bei seiner Angst. Der Hahn kräht. Und wir kennen dieses Geräusch. Der Hahn auf dem Kirchendach erinnert uns daran, dass auch wir einen inneren Petrus haben. Dass wir scheitern. Dass wir zurückweichen. Dass wir nicht immer zu dem stehen, was wir glauben.

Doch das ist nicht das Ende seiner Geschichte.Am See Genezareth begegnet der Auferstandene dem Petrus erneut. Dreimal fragt er: „Liebst du mich?“ Dreimal antwortet Petrus. „Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.“ Dreimal erhält er den Auftrag: „Weide meine Lämmer. Weide meine Schafe.“ (Joh 21,15ff.) Durch das dreifache Fragen eröffnet Jesus ihm die Möglichkeit, seine dreifache Verleugnung zu überwinden. Nicht durch Beschämung. Nicht durch Ausschluss. Sondern durch Liebe.Es ist die Liebe, die alles überbietet.

Auftrag und Berufung mit guter Fehlerkultur

Der erste Hirte ist keine makellose Lichtgestalt. Er ist kein Held ohne Schatten. Er ist ein Gescheiterter, der neu berufen wird. Petrus erhält Verantwortung nicht aufgrund seiner Stärke, sondern aufgrund der Gnade. Nicht wegen seiner Standhaftigkeit, sondern trotz seines Versagens.

Von Petrus her gedacht ist Kirche immer eine fehlbare Kirche. Eine Gemeinschaft von Menschen, die scheitern können. Eine Gemeinschaft, die nicht aus moralischer Überlegenheit lebt, sondern aus Vergebung. Wenn wir Kirche gestalten wollen, dann nicht als die Unangreifbaren. Nicht als die moralisch Überlegenen. Nicht als die makellosen Vorbilder. Sondern als von Gott geliebte Angsthasen. Als Heilige mit schiefem Schein. Als Sünder und Gerechte zugleich. Eine Kirche, die das ernst nimmt, braucht eine echte Fehlerkultur. Nicht als modernes Managementinstrument. Sondern als Konsequenz des Evangeliums.

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Die Passionsgeschichte im Johannesevangelium ist kein fernes Drama. Sie ist eine Anfrage an unsere Gegenwart. Wie gehen wir mit Macht um? Wie sprechen wir über Wahrheit? Wie reagieren wir auf populistische Verführung? Wie gestalten wir Leitung? Wie gehen wir mit Versagen um – dem eigenen und dem anderer?

Am Ende der Jesus-Erzählung steht kein Triumph der Mächtigen. Am Ende steht kein Sieg der Lautesten. Am Ende steht der Auferstandene, der einem gescheiterten Jünger eine neue Zukunft eröffnet.

Und vielleicht ist genau das die tiefste Pointe dieses Dramas: Die Welt mag weltförmig bleiben. Aber wir werden christusförmig, wo wir aus Vergebung leben, Wahrheit suchen und Liebe über Angst stellen. Nicht einmal Netflix bietet so viel Drama. Und keine Serie dieser Welt endet mit einer derartigen Hoffnung.

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