I Ostern ist vorbei – und jetzt?
„Wir warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2. Petr 3,13)
Warten gehört leider nicht zu meinen Stärken. Nicht nur mit meinen Kindern — auch in vielen anderen alltäglichen Situation, fühle ich mich auf die Probe gestellt, wenn ich mich in Geduld üben muss.
Warten an der Ampel. Warten an der Supermarktkasse. Warten darauf, dass die Mahlzeit beendet ist. Warten auf den angekündigten Rückruf. Warten auf das ersehnte Paket.
Beim Arzt gibt es fürs Warten sogar ein eigenes Zimmer, in dem man sich gemeinsam mit anderen in der Disziplin des Wartens üben kann.
Wir verbringen Minuten und noch mehr Minuten unseres Lebens mit Warten. Immer wieder sind wir diesen Kaugummi-Momenten ausgesetzt, in denen sich uns das Ersehnte noch entzieht. Wir Werde förmlich hingezogen zu dem, was noch nicht ist. Warten wird so oft zu einem körperlich spürbaren Phänomen.
II Neben dem „kleinen“ alltäglichen Warten gibt es da noch das große Warten – das Warten auf Gott. Seit 2000 Jahren verbindet es uns Christ:innen als Wartegemeinschaft. Und zusammen mit Jüd:innen noch viel länger.
So drückt es die Tora in Psalm 130 aus:
„Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als der Wächter auf den Morgen.“
Diesen Vers verbinde ich mit sternklaren Nächten am Lagerfeuer. In meiner Schulzeit war ich Teil einer christlichen Jugendgruppe. Immer in der ersten Woche der Sommerferien sind wir mit gut 100 Kindern und Betreuern auf Zeltlager gefahren. Über eine Woche mitten im Wald. Als Stadtkind erste Erfahrungen mit wirklicher Dunkelheit. Nachts wird das Feuer am Laufen gehalten und jeder hat über die Zeit auch ein- oder zweimal Dienst als Nachtwache.
Anders als bei den Menschen zur Zeit, als der 130. Psalm geschrieben wurde, gehört es nciht zu meiner Lebenswirklichkeit, Überfälle wilder Tiere oder benachbarter Lager fürchten musste – das Sehnen nach dem ersten Licht des Tages, von dem dieser Psalmvers spricht, ist mir trotzdem lebendig in Erinnerung.
III „Meine Seele wartet auf den Herrn.“
Als Christ:innen verstehen wir darunter das Warten auf das Wiederkommen Jesu – Den letzten Tag, das Ende der Zeit, die Ewigkeit, den neuen Himmel und die neue Erde …
Die erste und zweite Generation von Christ:innen, zur Zeit als der 2. Petrusbrief geschrieben wurde, wartete zunächst enthusiastisch auf dieses Wiederkommen Christi. Das Ende der Zeit wurde zeitnah erwartet. Und dann kam das, was auf theologisch Parusie-Verzögerung heißt.
Praktisch bedeutet das: der ICE auf Gleis eins nach neuer Himmel – neue Erde verzögert sich auf unbestimmte Zeit. Wir stehen da, am Gleis, in einer Zwischenzeit. Das Ziel vor Augen, das Ende herbeigesehnt, und es geht erst mal nicht weiter. Was fangen wir an mit dieser Zeit?
Der 2. Petrusbrief, richtet sich an Christ:innen, die mit dieser Durchsage konfrontiert waren. Erste fangen an zu zweifeln, ob der Zug überhaupt noch kommt und verlassen entmutigt und genervt den Bahnhof.
IV Wann Also kommt das Ende? Das ist das, was die Generation zur Zeit des 2. Petrusbrief beschäftigt. Wir haben uns heute mehr oder weniger damit abgefunden, in dieser Zwischenzeit zu leben.
Aber was wäre denn eigentlich, wenn wir wüssten, dass das Ende der Welt kurz bevor stünde? Sagen wir, nächste Woche. Stellen wir uns das für einen Moment vor: was würden wir tun? Was würden wir lassen? Wie viele unserer Sorgen würden sich sofort als unerheblichen auflösen? Was würden wir alles sofort beenden, und was ganz dringlich tun?
Vielleicht möchten wir jemandem noch etwas sagen: dass wir ihn lieben und was wir ihm alles danken. Vielleicht jemanden um Verzeihung bitten. Oder jemanden vergeben.
Aber vielleicht stiege auch eine vollkommene Klarheit in uns auf. Überall das, was wir versäumt haben. Oder das, was wir dem Leben schuldig geblieben sind, was wir auch Gott schuldig geblieben sind. Wenn wir das Leben vom Ende her dächten, entstünde eine ganz neue Bewegung.
Wann kommt das Ende? Allerlei Sekten und schräge Gestalten unserer Geschichte haben dieses Ende genau im Kalender datiert – gekommen ist es noch nicht. Der zweite Petrusbrief lässt es offen, denn bei Gott herrscht eine andere Zeitrechnung, die wir nicht fassen können. Vielmehr schwört der Autor des 2. Petrusbrief die Gemeinde darauf ein, dass sich das Warten lohnt und dass dieses Warten durch die Hoffnung auf Gerechtigkeit bestimmt ist.
V Seit diesen Worten des 2. Petrusbrief leben wir in dieser Zwischenzeit. Wir warten seither in Hoffnung auf Gerechtigkeit. Wir warten auf Grund unseres Glaubens an die Verheißungen. Und wir warten in Verbindung mit allen Generationen vor uns und nur Gott weiß, mit wie vielen nach uns…
Zum Abschluss daher, drei Tipps zum Warten in der Zwischenzeit:
1. Der Ungeduld auch mal Luft machen.
Geduld ist eine gut-christliche Tugend. Biblisch begründet und in der Tradition verankert. Und auch ich übe mich immer wieder in dieser Tugend. Sich darauf zu beschränken, scheint mir jedoch weder angebracht noch realistisch – ja fast schon scheinheilig. Sich demütig dem Schicksal zu ergeben und geduldig zu warten widerstrebt mir Wesentlich und auch hinsichtlich meiner Gottesbeziehung.
Ich warte sehnsüchtig auf Gott und die Erfüllung seiner Verheißung. Nicht geduldig, sondern mit derselben kurzen Geduldspanne, wie meine Söhne auf der Rückbank im Auto auf dem Weg zum Urlaub. Wann sind wir endlich da?
Ich schau hinaus in die Welt und die Ungerechtigkeiten und den Unfrieden und frage: Wann sind wir endlich da, Gott? Ein ganz elementarer Teil meiner Gottesbeziehung besteht darin Gott daran zu erinnern, dass seine Verheißungen noch nicht erfüllt sind, dass Gerechtigkeit und Friede sich noch nicht küssen und dass klage ich ihm im Gebet. Wann sind wir endlich da?
2. Abwarten, aber nicht nur Tee trinken.
Die Kunst des Wartens in der Zwischenzeit besteht gerade darin, etwas anderes zu tun. Wir behalten das Ziel im Auge und sind dabei aber auch nicht untätig. Aktives Warten ist eine Haltung des Ausgerichtet-Sein auf ein Ziel hin.
Noch ist es nicht zu Ende mit dieser Welt. Noch ist es nicht zu Ende mit uns. Noch ist Zeit, während wir Warten. Auch Zeit, um das Leben vom Ende her zu denken und jetzt das zu tun, was wichtig ist.
3. Warten mit offenen Augen
Je genauer ich ein vermeintliches Ziel vor Augen habe, umso größer die Chance, dass ich es verpasse. Wir Christen haben viele Wartezeiten im Kalender: vor allem Passion und Advent.
Wer auf Gott und Jesus Christus wartet, die und der warten, dass es anders kommt als erwartet. Das heißt: wenn ich schon genau weiß, worauf ich warte, mein Streben, Sehnen und Schauen zu eindeutig und vielleicht auch verengt auf einen Zielpunkt fokussiere, dann verpasse ich im Warten vielleicht die entscheidenden Momente. Die Momente, in denen sich das Versprechen von einem neuen Himmel und einer neuen Erde schon an diesem Himmel und auf dieser Erde ein Stück weit erfüllen.

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