I Ein Name ist mehr als ein Wort. Er ist ein Echo von Beziehung. Ein Ruf, der hängen bleibt.
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir.“ (Jes 43,1)
Vielleicht gefällt uns das nicht: „Du gehörst zu mir“ Zu nah. Zu fest. Zu eindeutig. Zu besitzergreifend. „Gehören“ – ein schwieriges Wort für unser aufgeklärtes und durch die Individualisierung geprägtes Wesen.
Namen haben Macht. Wer meinen Namen kennt, kann mich rufen. Und wer mich rufen kann, tritt in meine Welt ein. Ein Name ist wie eine Tür. Kein Schloss – aber ein Griff. Manchmal merken wir das ganz beiläufig: Wenn jemand unseren Namen sagt, drehen wir uns um. Ganz automatisch. Als hätte diese eine Lautfolge — diese Kombination von Buchstaben — ein klein wenig Macht über uns. Unser Name macht uns erreichbar, ansprechbar und verletzlich.
Und genau deshalb gehen wir meist vorsichtig damit um. Nicht erst seit dem Internet, der Sorge vor dem gläsernen Menschen und Datenschutzverordnungen. Wenn ich mich dir mit Namen vorstelle, entscheide ich, dass du mich nennen darfst. Ich gebe dir ein kleines bisschen von mir und etwas Macht über mich. Denn im Namen liegt immer auch ein Stück von uns selbst.
II Nomen est Omen. Der Name ist Program. Wörtlich: „der Name ist ein Zeichen“.
Ich weiß nicht, ob das für euch zutrifft? Ob ihr mit eurem Namen Programm macht, oder ob ihr im Laufe eures Lebens mit ihm gehadert habt. Viele Geschichten und Erzählung machen sich dieses nomen est omen-Prinzip
zu eigen. So auch die Bibel. Die Bedeutung der Namen geht meist mit der Handlung und/oder den Eigenschaften der Person einher: Eva heißt „die Lebensspenderin“. Aaron, der erste Hohepriester heißt „der Erleuchtete“. Hiob heißt „der Weinende“. Ich könnte das fortführen …
Und auch von Gott selbst, wird erzählt, wie sie sich den Menschen mit Namen und Programm vorstellt.
„Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“ (BB Ex 3,12-14)
Gott wird von Mose am Dornbusch nach seinem Namen gefragt. Das ist kein höfliches Kennenlernen. Das ist eine Machtfrage. „Wenn ich zu ihnen komme – und sie fragen: Wie heißt er? – was soll ich sagen?“ Mit anderen Worten: Wen bringe ich da ins Spiel? Wen kann ich nennen? Wer ist der Garant für das Gelingen der Mission „Auszug aus Ägypten“?
Und Gott antwortet. „Ich werde sein, der ich sein werde“ Gott gibt seinen Namen preis. Wie ein Versprechen: „Ich werde da sein.“ „Ich bin, der ich bin.“ Gott macht sich ansprechbar. Bleibt nicht unnennbar, nicht unverfügbar, nicht das große Schweigen hinter allem. Gott sagt: Du kannst mich rufen. Gott, von dem wir sagen, er sei allmächtig, behält nicht alle Macht für sich. Sie bindet sich an ihren Namen. Und damit – ein Stück weit – auch an uns.
III Eine ganz andere Erzählung um eine Müllerstochter, die angeblich Stroh zu Gold spinnen kann, ein Männlein, dass ihr hilft und schließlich ein versprochenes Erstgeborenes, endet so:
„Drei Tage will ich dir Zeit lassen,“ sprach das Männlein, „wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“
Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit, was es sonst noch für Namen gäbe. Als am andern Tag das Männchen kam, fing sie an mit Kaspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein: „So heiß ich nicht.“ Auch am zweiten Tag fand sie den Namen nicht.
Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte: „Neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie:
„Heute back ich, Morgen brau ich, Übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; Ach, wie gut ist, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!“
Da könnt ihr denken, wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald hernach das Männlein hereintrat und fragte: „Nun, Frau Königin, wie heiß ich?“
fragte sie erst: „Heißest du Kunz?“ – „Nein.“ – „Heißest du Heinz?“ – „Nein.“ –
„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“ „Das hat dir der Teufel gesagt“ schrie das Männlein und versank im Boden.
(Auszug aus Rumpelstilzchen – nach den Gebrüdern Grimm)
IV In dem Märchen der Gebrüder Grimm, ist der Name ein Geheimnis. Und das Geheimnis ist Macht. Solange niemand seinen Namen kennt und ausspricht, hat das teuflische Wesen Zugriff — hat Gewalt über das Leben einer anderen. Hat sogar Anspruch auf das Kind der Königin. Der Name wird versteckt, gehütet, verschlossen wie ein Schatz. Und als er ausgesprochen wird – da zerbricht diese Macht. Der Name fällt – und mit ihm das ganze System.
Zwei Geschichten. Zwei Weisen, mit dem eigenen Namen umzugehen. Hier einer, der seinen Namen versteckt, um Macht zu behalten. Dort einer, der seinen Namen gibt, um Beziehung zu eröffnen. Die eine Macht lebt davon, dass sie sich entzieht. Dass sie unbegreifbar bleibt. Dass niemand sie wirklich beim Namen nennen kann. Die andere Macht lebt davon, dass sie sich mitteilt. Dass sie sich ansprechbar macht. Dass sie sagt: Hier bin ich.
Rumpelstilzchen verliert sein Spielchen und sich selbst, weil sein Name gesagt wird. Gott hingegen verliert nicht, wenn sein Name gesagt wird. Im Gegenteil. Er gewinnt. Gott gewinnt uns, weil er seinen Namen selbst sagt. Jeder Mensch, der seinen Namen kennt, ist jemand, der ihn rufen kann. Und das verändert alles.
Vielleicht kann man es so sagen: Gott gibt Macht ab. Und gerade darin besteht das besondere seiner alle umfassenden Macht. Nicht konzentriert in einer Hand – sondern verteilt auf viele Stimmen. Auf viele Gebete. Auf viele Rufe. Auf eine Gemeinschaft, die weiß, wen sie anspricht.
„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir.“
Und wenn ich antworte, Gott, du auch zu mir!

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