I Es war einmal in Jerusalem – Die ganze Schar derer, die an Jesus glaubten, hielt fest zusammen; alle waren ein Herz und eine Seele. Nicht ein Einziger betrachtete irgendetwas von dem, was ihm gehörte, als sein persönliches Eigentum; vielmehr teilten sie alles miteinander, was sie besaßen.Vollmächtig und kraftvoll bezeugten die Apostel, dass Jesus der auferstandene Herr ist. Und die ganze Gemeinde erlebte Gottes Gnade in reichem Maß. Es gab unter ihnen auch niemand, der Not leiden musste. Denn wenn die Bedürfnisse es erforderten, verkauften diejenigen, die ein Grundstück oder ein Haus besaßen, ihren Besitz und stellten den Erlös der Gemeinde zur Verfügung; indem sie das Geld vor den Aposteln niederlegten. Davon wurde dann jedem das zugeteilt, was er nötig hatte. Einer von denen, die den Bedürftigen in dieser Weise halfen, war Josef, ein Levit von Zypern, den die Apostel Barnabas nannten. Josef verkaufte ein Stück Land, das ihm gehörte, und stellte das Geld, das er dafür bekam, der Gemeinde zur Verfügung, indem er es vor den Aposteln niederlegte. (Apg 4, 32-37 NGÜ)
Ein Herz. Eine Seele. Alles gemeinsam. Gnade in reichem Maß. Keiner, der Not leidet. Das klingt zu schön um wahr zu sein. Oder doch nicht? Wieviel Geschichte steckt in der Apostelgeschichte?
II Es war einmal in Jerusalem …
„Es war einmal“ — Das sind drei magische Worte. Sie sagen: Atme tief ein, mach es dir gemütlich, wir gehen in den Raum des Märchens. Dort, wo Tiere sprechen, Hexen zaubern und Wünsche in Erfüllung gehen. Wir wissen: Was uns das Märchen erzählt, ist ganz sicher nicht einmal so gewesen. Und doch: Märchen sind keine Lügengeschichten. Sie erzählen die Wahrheit nur anders.
Die Apostelgeschichte ist kein Tatsachenbericht, so wie wir in der Moderne gerne Geschichtsschreibung verstehen. Wer hier ausschließlich historische Fakten sucht, wird enttäuscht werden. Ich brauche nur in die Briefe des Apostels Paulus zu schauen und finde schnell, dass Eintracht und Gütergemeinschaft sicher keine Realität in den ersten Gemeinden waren: Da war Streit. Da war Neid. Da waren Menschen aus unterschiedliche sozialen Schichten, die unterschiedliche Mittel zur Verfügung hatten und die nicht selbstlos ihr Vermögen zur Verfügung stellten.
Die Apostelgeschichte ist ein theologischer Text. Lukas erzählt Geschichte — eine Geschichte der Gnade, die laut Apostelgeschichte in reichem Maß bei ihnen war.Aber Gnade ist noch nicht vollkommen da. Nicht vor 2000 Jahren und heute nicht. Gnade kommt noch. Gnade ist Zukunft. Theologisch gesprochen: Gnade ist eschatologisch – also aufs Ende hin ausgerichtet. Und was noch nicht ist, kann nicht „gewesen“ sein. Es muss fiktiv sein. Fiktiv im eigentlichen Sinn: Es zeigt sich in der Erzählung, was sein könnte.
Wir müssen also die von mir vor den Predigttext eingefügte „Märchen-Formel“ noch etwas anpassen: Es wäre einmal so gewesen, wie es sein könnte!
Wenn ihr jetzt einen Konten im Kopf habt, keine Sorge, ich nehme euch mit in den Gedanken hinein: Lukas erzählt in seiner Geschichte der Apostel, was sein könnte. Theologische Gedanken, Glaube und Zukunftshoffnungen mischen sich mit Geschichtsschreibung. Die Fakten über das Leben der ersten Gemeinde mischen sich mit dem Fiktiven — dem für die Zukunft erhofften und von Gott versprochenen Heilszustand.
Deshalb erzählt Lukas, was sein könnte, als wäre es so gewesen. (Vgl. M. Hein, in: C. Levin, Denkskizzen 2019, 182) Dass alle alles gemeinsam haben und ein Herz und eine Seele sind, ist also das, was im Modus theologischer Hoffnung — sein könnte, und Lukas erzählt uns davon, als wäre es so gewesen, damals in Jerusalem.
Die Kunst des Lesens und Hörens der Apostelgeschichte, wie im übrigen der meisten biblischen Texte, liegt darin, sie weder als historisch unzureichend, noch als als reine Fiktion abzutun, sondern auf das dazwischen zu schauen und die Wahrheit, die zu uns spricht, wenn es denn so gewesen wäre, wie es sein könnte.
III Ich wechsele vom Konjunktiv („wäre“) nochmal in den Indikativ („war“). Wenn ich auf den Text der Apostelgeschichte mit der Brille eines Historikers schaue, sehe ich keine rosigen Zustände in den ersten Gemeinden. „Keiner hatte Not“? Nein. „Alle waren ein Herz und eine Seele“? Nein. Es gab Menschen mit Angst. Es gab Menschen, die nicht teilen wollten. Es wurde gelogen. Gleich im Anschluss an diesen Text lesen wir davon: Hannanias und Saphira lügen und halten etwas von Ihrem Geld für sich zurück. Auch damals in Jerusalem menschelte es all zu sehr.
Das ist zugleich befreiend für unseren Anspruch heute Gemeinde zu sein. Denn wenn ich den Text der Apostelgeschichte historisch lesen würde, und mich daran abarbeitete, wie es in der ach so perfekten ersten Gemeinde so war – dann müsste ich heute verzweifeln und scheitern. Dann müsste ich sagen: „Ich bin nicht gut genug.“ „Beim Vorbild der ersten Gemeinde kann ich nicht mithalten.“
Aber wenn ich den Text so lese und verstehe, als wäre es damals so gewesen, wie es sein könnte, wenn Gottes Wirklichkeit sich auf Erden durchsetzt – dann öffnet sich ein Raum. Ein Raum für das Wirken des heiligen Geist, der ja damals nicht mehr gewirkt hat, als er es heute tut. Und ein Raum für menschliche Unfertigkeit. Ein Raum dafür, dass weder damals noch heute die Gemeinschaft vollkommen ist, nicht alle alles hatten und nicht jeder mit jedem ein Herz und eine Seele war – aber sehr wohl dafür, dass uns die Hoffnung daran vereint: Es könnte so sein.
IV Ich halte also fest, an der Hoffnung davon, wie es sein könnte. Und es wird heute für mich Inspiration und Grund dafür, nicht aufzuhören, etwas an dieser Welt ändern zu wollen – die eben die noch nicht erlöste Welt ist.
Dass alle alles gemeinsam haben, dass alle ein Herz und eine Seele sind, dass niemand Not hat – das kann dabei nicht das Ziel sein, wohl aber irgendwann das Ergebnis. Wenn ich beständig im Kleinen frage: „Wie könnte es sein?“, und wenn mich danach verhalte, dann nehme ich die Erzählung in der Apostelgeschichte als Einladung an.
Ich glaube, jedem von uns ist gegeben, was er oder sie teilen kann. Wir haben genug. Oft sogar mehr, als wir ahnen. Dabei müssen wir nicht unser ganzes Hab und Gut verkaufen. Dieser Enthusiasmus hatte in den erste Jahren nach Christi Auferstehung seine Zeit. Wir hingegen, die wir den Text heute lesen, müssen uns fragen, was es heute heißt, ein Herz und eine Seele zu sein.
Ich glaube es ist die tätige Nächstenliebe, in der wir aus dem Vollen heraus weitergeben. Das ist die Kollekte, die wir in jedem Gottesdienst sammeln – als tätigen Dienst der Liebe an unseren Nächsten. Das ist der Einsatz für Menschen, die aus Regionen dieser Welt geflohen sind, weil es dort für sie nicht mehr sicher ist. Denen wir zuerst als Menschen begegnen, die Hilfe brauchen. Das ist, der in einer Stiftung organisierte Liebesdienst für Menschen, die Unterstützung in ihrem Alltag brauchen. Das ist der Besuch bei Menschen und deren Angehörigen, die wissen dass ihr Leben dem Ende zugeht und die im ganz Besonderen Seelsorge und Zuspruch brauchen. Das ist der Einsatz für Zusammenhalt im Viertel und die Förderung von nachhaltigen Leben.
Ich könnte hier vieles weitere aufzählen, was in den Gemeinden unserer Kirche und noch viel mehr von den Menschen, die sich uns zugehörig fühlen, jeden Tag geleistet wird. Ihr könnt für euch die Liste erweitern. Das ist es, für mich, wie wir heute ein Herz und eine Seele sein können auf dem Weg dahin, unsere Gemeinschaft so zu gestalten, wie es sein könnte.
V In der Apostelgeschichte heißt es zuletzt, dass die Güter vor die Aposteln gelegt wurden. Das ist eine Geste des Vertrauens. Ich lege mein Gut hin. Ich vertraue darauf, dass es reicht, was ich an Gütern und Gaben habe. Ich habe genug, um zu teilen.
Ich glaube nicht, dass Gott darauf wartet, wann aus unserer Gemeinde endlich die perfekte Gütergemeinschaft wird. Gott wartet auf unsere handelnde Liebe, dass wir anfangen etwas zu tun, damit es etwas mehr so wird, wie es sein könnte. Das „Ja“ aus deinem Mund. Das „Hier“ aus deiner Hand. Das „Wir“ aus deinem Herzen.
Dann könnte heute ein Stückchen von dem wahr werden, wie es sein könnte und wie es damals gewesen wäre in Jerusalem, dass wir ein Herz und eine Seele sind.

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