Vom Scheitern und dem Wagnis des Wunders


I
Mit leidenschaftlicher Wut im Bauch greife ich nach dem Papier und den darauf gekritzelten Ideen. Erst zerknüllen und dann mit Schwung Richtung Papierkorb schmeißen.

Das zerknüllte Blatt Papier erzählt von meinen verworfenen Gedanken. Einer Idee, die schon wieder nicht funktioniert hat. Träume, die sich anders entwickelt haben,
als gehofft oder schlicht und einfach geplatzt sind. Oft landet mit so einem Stück Papier auch ein Stück möglicher Zukunft im Müll.

Scheitern gehört zu den menschlichsten Erfahrungen überhaupt. Nicht, weil wir ständig scheitern. Sondern weil jeder Mensch irgendwann erlebt,
dass sich das Leben nicht an den eigenen Plan hält. Im Scheitern sind wir mit dem eigenen Unvermögen konfrontiert und oft fühlt es sich so an, als hätten wir als Person versagt. Und das ist das eigentlich grausame am Versagen. Nicht, dass etwas misslingt, sondern, dass wir selbst zum Missling werden.

Vielleicht hat sich dieses Gefühl auch mit dem Zeitgeist verfestigt, weil wir in einer Zeit leben, in der Erfolg unsere Narrative prägt. Wir erzählen unsere Biographien gerne wie Erfolgsgeschichten. Ein gelungenes Projekt folgt dem nächsten. Ausbildung. Beruf. Familie. Reisen. Fitness. Selbstoptimierung. Alles scheint darauf angelegt zu sein, dass unser Leben am Ende wie eine lückenlose Erfolgserzählung aussieht.

Und diese Erzählung hört längst nicht mehr an der Haustür auf. Die Aufmerksamkeitsindustrie lebt davon. In den Medien, vor allem den sozialen,
wird Aufmerksamkeit zur Währung. Sichtbar wird, was glänzt. Was gelingt. Was außergewöhnlich ist. Die Hochglanzmomente des Lebens werden millionenfach geteilt. Das kleine Glück ebenso wie der große Erfolg. Das ist per se ja nichts Schlechtes. Allerdings: Das Misslungene verschwindet. Wird verschwiegen. Nicht nur im Feed, sondern auch vor Freunden, Familie und schließlich gegenüber sich selbst.

Jede und jeder von uns scheitert. Und jede und jeder muss lernen, dass zwischen dem Menschen und seinem Erfolg und seinem Scheitern ein Unterschied besteht. Der Papierkorb erzählt, nicht vom Ende eines Lebens. Sondern vom Ende einer Vorstellung davon, wie Leben hätte sein können. Und diese Momente, so glaube ich, sind genau der Ort, an dem Gott besonders aufmerksam wird. Denn Gott begegnet Menschen erstaunlich selten auf den Gipfeln ihres Erfolgs.

II
In den vergangenen Jahren haben sich sogenannte „Fuck-up Nights“ großer Beliebtheit erfreut. Menschen gehen auf eine Bühne und erzählen öffentlich von gescheiterten Projekten, Fehlentscheidungen und Niederlagen. Ich finde das zunächst sehr sympathisch. Denn ich halte es für einen wichtigen Schritt hin zu einer guten Fehlerkultur. Ein Schritt heraus aus der Scham. Heraus aus dem stillen Kämmerlein. Das Scheitern verliert etwas von seiner Macht, wenn es ausgesprochen werden darf.

Aber ich glaube, dabei darf es nicht stehen bleiben. Denn eine gute Fehlerkultur ist noch keine Kultur der Hoffnung. Es genügt nicht, das Scheitern anzunehmen. Die entscheidende Frage lautet: Haben wir den Mut, es noch einmal zu versuchen? Vielleicht anders. Vielleicht klüger. Vielleicht vorsichtiger. Vielleicht mutiger. Aber eben: noch einmal.

III
Genau davon erzählt eine meiner liebsten Geschichten der Bibel.

Lukas 5,1–11
Einmal drängte sich die Volksmenge um Jesus und wollte hören, wie er Gottes Wort verkündete. Jesus stand am See Gennesaret. Da sah er zwei Boote am Ufer liegen. Die Fischer waren ausgestiegen und reinigten die Netze. Jesus stieg in das Boot, das Simon gehörte. Er bat Simon, ein Stück vom Ufer wegzufahren.
Dann setzte er sich und lehrte die Leute vom Boot aus. Als Jesus seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: »Fahre hinaus in tieferes Wasser! Dort sollt ihr eure Netze zum Fang auswerfen.« Simon antwortete: »Meister, wir haben die ganze Nacht hart gearbeitet und nichts gefangen. Aber weil du es sagst, will ich die Netze auswerfen.« Simon und seine Leute warfen die Netze aus. Sie fingen so viele Fische, dass ihre Netze zu reißen drohten. Sie winkten die Fischer im anderen Boot herbei. Sie sollten kommen und ihnen helfen. Zusammen beluden sie beide Boote, bis sie fast untergingen. Als Simon Petrus das sah, fiel er vor Jesus auf die Knie und sagte: »Herr, geh fort von mir! Ich bin ein Mensch, der voller Schuld ist!« Denn er und die anderen, die dabei waren, waren sehr erschrocken. So riesig war der Fang, den sie gemacht hatten. Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus, erging es ebenso. Die beiden arbeiteten eng mit Simon zusammen. Jesus sagte zu Simon: »Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein!« Da zogen sie die Boote an Land, ließen alles zurück und folgten ihm.
(Basis Bibel)

IV
Wenn wir dem Scheitern zum Trotz weitermachen und es noch mal versuchen wollen, braucht es Mut und Vertrauen. Davon erzählt diese Geschichte. Der für diesen Tag gescheiterte Petrus steht, so stelle ich mir vor, am Ufer: Die Schultern hängen, die Augen müde von der Nacht und der Blick enttäuscht.

Und dann kommt da einer daher, der in dieses Scheitern hinein spricht: Mach’s nochmal. Das bedeutet für Petrus: Er muss sich noch einmal die Füße nass machen. Noch einmal hinaus. Noch einmal die Netze in die Hand nehmen. Und dann soll er dorthin fahren, wo es tief ist. Bis an die Kante und darüber hinaus. Dort, wo der Boden unter den Füßen verschwindet. Dort, wo Sicherheit endet.
Dort, wo nur noch Vertrauen trägt.

Ich glaube, wenn wir aus unserem Scheitern weitergehen wollen, braucht es genau diesen Mut. Den Mut, sich noch einmal auf den Weg zu machen. Den Mut, sich der Möglichkeit eines Wunders auszusetzen. Denn genau das ist ein Wagnis.

Menschen sprechen oft davon, dass sie sich ein Wunder wünschen. Aber sind wir wirklich bereit für eines?

Als Petrus die vollen Netze sieht, jubelt er nicht. Er erschrickt. Ich glaube, weil sich im Wunder plötzlich die Nähe Gottes zeigt. Und diese Nähe ist groß und fremd. Sie ist rätselhaft und überwältigend. Die plötzliche göttliche Nähe, die wir im Wunder erleben, kann bisweilen erschreckend, umstürzend und weltverändernd sein.

Gerade deshalb ist es ein Wagnis, sich der Möglichkeit eines Wunders auszusetzen. Weil tatsächlich noch geschehen könnte, was wir längst nicht mehr für möglich gehalten haben. Weil sich plötzlich etwas erfüllt, das wir schon aufgegeben hatten. Weil Gott größer handelt, als unsere Erfahrung es zulässt.

V
Wir haben gelernt, uns für die sichere Seite des Lebens zu entscheiden. Wenn wir uns im seichten Wasser aufhalten, sind wir sicher.

Als bürgerlich und institutionalisierte Kirche halten wir uns, so meine ich, auch sehr gerne in diesem seichten Gewässer auf. Wir betonen das Glaube Sicherheit bedeutet und predigen Gottes Heilsversprechen.

Aber diese Geschichte erzählt eben auch von Gott, der hinausruft. Von Gott, die verunsichert. Von Gott, der an die Grenze führt – und darüber hinaus. Von Gott, die uns einlädt, uns der Möglichkeit eines Wunders auszusetzen.

Und genau deshalb brauchen wir Gott. Und wir brauchen Menschen, die in seinem Geist handeln. Denn wenn die Möglichkeit des Wunder zunächst erschreckt, wenn der Schritt ins tiefe Wasser Überwindung kostet, wenn wir selbst nur noch die leeren Netze sehen, dann brauchen wir jemanden, der uns zutraut, dass unsere Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist.

Vielleicht besteht Nachfolge genau darin.
Dass Menschen füreinander zu Stellvertretern dieser Stimme Jesu werden:
„Fahr noch einmal hinaus, wo es tief ist.“

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