Von wundersamer Gläubigkeit und dem Licht der Welt

I Außerhalb des Lichtpegels der Schreibtischlampe herrscht Dunkelheit. Er sitzt dort schon lange, den Kopf auf die Arme gestützt, weil die Gedanken zu schwer geworden sind. Die Zeilen vor ihm auf dem Papier nimmt er nicht mehr richtig wahr und die Buchstaben verschwimmen vor den müden Augen. Er ist blind geworden für mögliche Lösungen und erst recht für alles, was jenseits des Schreibtisches in der Dunkelheit liegt. Mit dem schwindenden Tageslicht schwindet auch die Hoffnung. Alte Sorgen haben ihn wieder eingeholt. 

Die Dunkelheit kam nicht plötzlich, sondern langsam und schleichend. Sie wurde größer um ihn und in ihm. Fort ist das Licht und mit ihm auch die Richtung. So sitzt er dort, mit kreisenden Gedanken und tappt im Dunkeln. Bis die Müdigkeit ihn schließlich übermannt.

Und dann geschieht etwas: dann, irgendwann, gegen fünf, sechs Uhr, geschieht etwas, das sich nicht wirklich erklären lässt. Nicht mit Logik. Nicht mit Wissenschaft. Sondern es passiert einfach so. Das Grau kommt. Erst nur ein Hauch. Ein dünner Streifen. Eine Linie, die sagt: Da ist noch etwas anderes. Und dieser Schimmer – klein, zart, kaum sichtbar – packt ihn an einem Ort, den er fast vergessen hatte. Eine Art wundersame Gläubigkeit. Eine kleine, eigenwillige Trotzigkeit, die sich weigert, bei der Dunkelheit stehenzubleiben. Ohne Grund. Ohne Beweis. Einfach so.

Mit dem Licht des neuen Tages verschwindet nicht nur die Dunkelheit um uns herum, sondern es wird oft auch in uns heller. Bei mir zumindest ist das so: Jeden Morgen kommt ein kleines Stück meiner Wundergläubigkeit wieder zurück. Der Teil in mir, der sich, allen dunklen Gedanken zum Trotz, weigert, die Hoffnung aufzugeben.

II Szenenwechsel vom Schreibtisch im Dunkeln und hoffnungsvollen Sonnenaufgängen in die Zeit Jesu und zu einer Begegnung mit einem blind geborenen Menschen.

Jesus ging an einem Mann vorbei und sah, dass der von Geburt an blind war. Da fragten ihn seine Jünger: »Rabbi, wer war ein Sünder, sodass er blind geboren wurde – dieser Mann oder seine Eltern?« Jesus antwortete: »Weder war er selbst ein Sünder, noch waren es seine Eltern. Vielmehr sollen die Taten Gottes an ihm sichtbar werden. Wir müssen die Taten vollbringen, mit denen Gott mich beauftragt hat, solange es noch Tag ist. Es kommt eine Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.« Nachdem er das gesagt hatte, spuckte er auf den Boden. Aus der Erde und dem Speichel machte er eine Paste und strich sie dem Blinden auf die Augen. Dann sagte er ihm: »Geh und wasch dich im Teich von Schiloach!« Der Mann ging dorthin und wusch sich. Als er zurückkam, konnte er sehen. (Joh 9,1-7 BB)

III Drei Gedanken zum Text:

1. Wundergläubigkeit

Häufig bemerke ich in Sachen „Wunder“ eine gewisse Skepsis. Der moderne, aufgeklärte Mensch, der wir alle ja gerne sein wollen, tut sich schwer mit dem Wunder. Dass Jesus so wirklich Kranke geheilt hat, dass er auf dem Wasser gelaufen sein soll und einen Sturm mit seinen Worten stillen konnte, das scheint mit dem naturwissenschaftlich geprägten Denken schwer vereinbar. 

Gleichzeitig mit dieser Wunderskepsis erlebe ich, dass den Menschen, die vor 2000 Jahren lebten, zugetraut wird, dass sie die ganze Sache mit den Wundern unhinterfragt geglaubt haben. So ein Quatsch: die Menschen, die zur Zeit Jesu lebten, wussten genauso wie wir heute, dass man nicht auf dem Wasser laufen kann. Trotzdem haben sie mit der Möglichkeit des Wunders gerechnet und die Erzähler der Bibel haben diese Geschichten aufgeschrieben. Sie wären aber nie auf die Idee gekommen, dass wir 2000 Jahre später versuchen würden, diese Geschichten wörtlich zu verstehen und mit unseren Kenntnissen der Naturwissenschaft abzugleichen. (Vgl. Nico ter Linden, König auf einem Esel, 3f.) Die Geschichten der Bibel sind in einer anderen Sprache geschrieben: in der Geschichtensprache, wie wir sie in der Poesie finden. Deshalb sind sie nicht weniger wahr. 

Wir müssen also andere Fragen stellen, um diese Geschichten zu verstehen, um uns von diesen Texten verzaubern zu lassen, und um ihre Wahrheit zu erkennen. So könnten auch wir heute an unserer Wundergläubigkeit festhalten.

2. Wunderheilung

Die Heilung von Kranken nimmt einen großen und wichtigen Teil der Wundergeschichten Jesu ein. Selten geht es dabei aber allein um Krankheit. (Vgl. dazu bei Eckart von Hirschhausen, in: Denkskizzen II, 210f.) Häufig geht es dabei auch um eine soziale Frage und ebenso um die Frage nach Schuld und Sünde. 

In der Erzählung in Joh 9 fragen  die Jünger, wer wohl Schuld haben könnte an der Blindheit des Mannes, der schon blind geboren ist. Er selbst oder die Eltern werden als Möglichkeiten in Betracht gezogen. Die Frage nach der Verbindung zwischen Krankheit und Schuld ist reflexhaft und sie findet sich auch heute noch. Das ist aber nicht nur absurd, sondern auch toxisch.

Ich habe Familien kennenlernen dürfen, in denen Kindern mit angeborenen Krankheiten und Gendefekten leben und ich habe unglaublich viel Liebe, Zusammenhalt und Verantwortung gesehen. Die Frage danach, wer Schuld an dieser Krankheit hat, ist das Letzte, was diese Eltern und diese Familien brauchen können, um ein gutes Leben zu führen.

Die Annahme, Krankheiten ließen sich in jedem Fall durch das eigene Verhalten verhindern, hat eine unglaublich böse Kehrseite: Wenn wir oder Menschen unserer Nähe krank werden, fallen uns die Selbstvorwürfe schwer auf die Füße. „Hätte ich doch nur…“ Diese Selbstvorwürfe können dann mehr weh tun als die eigentlichen Symptome.

Aber Jesus stellt diese Warum-Frage gar nicht. „Warum geht’s dir schlecht?“ „Wie ist das passiert?“ „Wer hat Schuld?“ „Und bist du ausreichend krankenversichert?“ Jesus stellt eine Wozu-Frage: „Wozu ist unsere Begegnung gut?“ Es sollen die Werke Gottes offenbar werden!

Und damit sind wir bei drittens und auch beim Beginn des Textes angelangt: sitzend an unseren Schreibtischen, auf der Suche nach dem Licht der Welt und tappend im Dunkeln.

3. Das Licht der Welt sehen

Im Glaubensbekenntnis von Nizäa und Konstantinopel heißt es so schön: „Ich glaube an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht“.

Ich glaube, wir brauchen dieses Licht der Welt, das uns Gottes Werke offenbart hat und immer noch offenbart.

Ich glaube, wenn wir in den Dunkelheiten unserer eigenen Welt feststecken, dann brauchen wir Heilung. Und dafür brauchen wir die Hilfe anderer. Wenn Jesus Menschen heilte, dann stand das Verschwinden von Krankheit selten im Mittelpunkt, sondern die Versöhnung mit Gott und den Nächsten. Menschen wurden aus ihrer Einsamkeit befreit, aus den Verstrickungen von Schuld gelöst und in die Gemeinschaft integriert. Ich glaube, Heilung geschieht dort, wo wir aus den eigenen dunklen Gedanken geführt werden, ins Lichte der Gemeinschaft mit anderen und mit Gott.

Und ich glaube auch, wenn wir in der Dunkelheit in unserer eigenen Welt feststecken, dann brauchen wir neben der Hilfe und Heilung von anderen, die vertrauensvolle Rückkehr zu unserer Wundergläubigkeit. Und zwar, weil die moderne Erzählung davon, dass wir als Menschen in der Lage sind, alles alleine zu schaffen, wenn wir nur hart genug daran arbeiten. Dass es für alles eine mögliche Erklärung gibt, wenn wir nur gründlich genug danach suchen. Ich glaube, dass das scheitern muss. Wir drehen uns im Kreis, trotz allem wissenschaftlichen Vorsprung, trotz aller philosophischen Weiterentwicklung der Erklärung von Mensch und Welt. Wir drehen uns im Kreis, wenn wir nur auf uns selbst schauen. 

Ich glaube, wir brauchen die Offenheit für die Erzählung vom Wunder. Wir brauchen diese anderen Geschichten vom Wunder und dem Licht der Welt, die uns aus unserer Engstirnigkeit befreien und den Blick aus dem kleinen Lichtkreis unserer Schreibtischlampen lenken. Wir brauchen Erzählungen, die Licht in das Dunkel um uns herum werfen. Licht, von dem wir schon nicht mehr glaubten, dass es die Dunkelheit um uns herum noch erhellen kann. Wir brauchen die Poesie des Glaubens, die uns in die Dunkelheit hinein jeden Morgen, diesen kleinen, rosaroten Lichtstreifen der Hoffnung an den Himmel malt und uns daran erinnert, dass Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. 

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