Vom Sehen und Gesehen-Werden

I Wenn Kinder in ein bestimmtes Alter kommen, spielen sie mit großer Leidenschaft: „Kuckkuck!“ Oder: „Wo bist du?“— „Da!“ Meine Söhne kann ich damit mittlerweile nicht mehr begeistern. Aber andere Kinder in meinem Freundeskreis haben daran große Freude. „Du siehst mich nicht, wenn ich mir die Hände auf die Augen lege!“ und „Da bist du wieder!“ Spielerisch, ausprobierend und testend begegnen Kinder dem Sehen und Gesehen werden. Zu Beginn des Lebens existenziell. Eltern und Familie sehen zu können bedeutet in Sicherheit zu sein. Wenn Kinder hingegen Mama oder Papa nicht sehen, sind diese für sie weg. Weg, nicht im Sinne von In-einem-anderen-Raum-sein, sondern nicht existent. Denn die Erkenntnis und damit die Sicherheit, dass Menschen in der Regel wiederkommen, wenn sie aus dem Sichtfeld verschwinden – zum Beispiel nur kurz nach nebenan – braucht relativ lange in der Entwicklung von Kindern.

Das Bedürfnis danach zu sehen und gesehen zu werden, ist überlebensnotwendig und es bleibt uns auch beim Älterwerden erhalten. Auch erwachsene Menschen wollen gesehen werden, mit dem, was sie können und brauchen im Leben. Bleibt hingegen dieses Bedürfnis nach Sehen und Gesehen-werden unerfüllt, ist das in der Regel schwer zu ertragen und folgenreich.
Wer im Leben mit seinen Fragen, Sorgen und Bedürfnissen zu häufig übersehen wird, läuft Gefahr, seelisch zu verkümmern und verbittert. Wer übersehen wird, läuft Gefahr, politisch auf fragwürdige Alternativen zu setzen. Wer übersehen wird, läuft Gefahr, sozial noch weiter auf Distanz zu anderen Menschen zu gehen — ein Kreislauf, der schwer zu durchbrechen ist.

Wir sehen so viel, wenn wir durch die Welt gehen und doch sehen wir über so vieles hinweg und nicht ausreichend in die Tiefe.

Hinterm Park, zwei, drei Straßen weiter auf der linken Seite im ersten Stock hinten rechts: da wohnt einer, der unter die Räuber gefallen ist und ich habe ihn nicht gesehen. Die Folgen sozialer Benachteiligung, Armut, Diskriminierung und häuslicher Gewalt sind oft schwer zu sehen – nahezu unsichtbar im Vergleich zu einem, der am Wegrand liegt und den die Räuber nahezu tot geprügelt haben. Wer sind die Menschen, die ich nicht sehe? Wer ist in unseren Gemeinden, in unseren Quartieren unter die Räuber gefallen? Wer trägt soziale Ungerechtigkeit wie einen unsichtbaren Mantel, den ich nicht sehen kann?

Wir sehen einander,
doch übersehen wir so viel voneinander.

II. Der Sonntag, zu dem dieser Beitrag entstand, setzt in der Auswahl der Bibeltexte den Fokus auf das Thema Nächstenliebe.

In dieser Zeit wuchs die Zahl der Jünger stetig. Doch bald wurden in der Gemeinde Klagen laut. Sie kamen von den Griechisch sprechenden Mitgliedern,
die aus anderen Ländern zugezogen waren. Die warfen den Hebräisch sprechenden Einheimischen vor, ihre Witwen bei der täglichen Speisung zu übergehen. Daraufhin beriefen die Zwölf eine Versammlung aller Jünger ein
und sagten: »So geht das nicht! Wir können doch nicht die Verkündigung von Gottes Wort vernachlässigen – und uns stattdessen selbst um die Essensausgabe an den Tischen kümmern. Brüder und Schwestern, wählt aus eurer Mitte sieben Männer aus. Sie sollen einen guten Ruf haben und vom Geist Gottes und von Weisheit erfüllt sein. Ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen. Wir dagegen werden uns ganz dem Gebet und der Verkündigung widmen.« Der Vorschlag fand die Zustimmung der ganzen Versammlung. Sie wählten Stephanus, einen Mann mit festem Glauben und erfüllt vom Heiligen Geist. Hinzu kamen Philippus, Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, ein Grieche aus Antiochia, der zum jüdischen Glauben übergetreten war. Diese sieben ließ man vor die Apostel treten. Die beteten für sie und legten ihnen die Hände auf. Das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger in Jerusalem wuchs immer weiter. Sogar von den Priestern nahmen viele den Glauben an Jesus an.
(Apg 6,1-7 BB)

»Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho. Unterwegs wurde er von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn bis aufs Hemd aus und schlugen ihn zusammen.
Dann machten sie sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg herab. Er sah den Verwundeten und ging vorbei. Genauso machte es ein Levit, als er zu der Stelle kam: Er sah den Verwundeten und ging vorbei. Aber dann kam ein Samariter dorthin, der auf der Reise war.
Als er den Verwundeten sah, hatte er Mitleid mit ihm. Er ging zu ihm hin,
behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn in ein Gasthaus und pflegte ihn. Am nächsten Tag holte er zwei Silberstücke hervor, gab sie dem Wirt und sagte: ›Pflege den Verwundeten! Wenn es mehr kostet, werde ich es dir geben, wenn ich wiederkomme.‹
(Lk 10, 30-35)

Mich bewegt im Text der Apostelgeschichte wie auch dem Evangeliumstext, das Sehen. Und zwar, weil es Verbindung mit der von Jesus vorgelebten und geforderten Liebe zum Nächsten steht. Von den Gefahren des Übersehen-Werdens, war bereits die Rede. Es folgen nun, nach dem Übersehen, zweitens das Hinsehen und drittens das Einsehen.

In der Apostelgeschichte haben wir es mit folgender Situation zu tun: Die Zahl der jungen Gemeinde, die sich zu Jesus Christus bekennt, wächst. Und damit erhöht sich die Komplexität der sozialen Organisation dieser Gemeinschaft. Mehr Menschen bedeuten mehr Aufgaben. Und: umso mehr Menschen in einer Gemeinschaft, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass die Verantwortlichen nicht mehr in der Lage sind, das Wohlergehen aller im Blick zu behalten. Und genau dazu kam es in der jungen Gemeinde in Jerusalem. So, wie es die Apostelgeschichte erzählt, wurden einige übersehen.
Nämlich die Witwe der griechischstämmigen Juden der Gemeinde.

Der Schutz der Witwen, wie auch von Waisen, war eine der wichtigsten Bestandteile des damaligen Sozialsystems. In einer patriarchal aufgebauten Gesellschaft waren es vor allem diese beiden Gruppen, die am schlimmsten von drohender Armut betroffen waren. Vor allem, wenn deren Zahl in Kriegszeiten stark anstieg. In den Texten des Alten Testaments ist zu lesen, dass diese Gruppen im Blick waren und deren Schutz wurde immer wieder eingefordert. Ihr sollt Witwen und Waisen nicht bedrücken. Wirst du sie bedrücken und werden sie zu mir schreien, so werde ich ihr Schreien erhören. (Ex 22,21f.) Auch in den Schriften der Propheten ist regelmäßig zu lesen, dass diese die religiösen Eliten an ihre Pflicht erinnern, sich um die Witwen und Waisen zu kümmern. So viel in Kürze zum Hintergrund der Versorgung von Witwen innerhalb von Gemeinschaften vor und zur Zeit Jesu.

Zum Glück aber blieb es in Jerusalem, wie es die Apostelgeschichte erzählt, nicht lange beim Übersehen. Andere haben hingesehen. Sie haben die Lage der Witwen gesehen und sich in Folge dessen darüber beim Leitungsgremium, den Aposteln, beklagt. Sie murrten, wie es gut biblisch heißt. Ein wirkliches Hinsehen von Menschen, die Teil dieser Gemeinschaft waren, und der erste wichtige Schritt auf dem Weg zu einer Veränderung der Situation der Witwen. Hinsehen auf die Bedürftigen ermöglicht Veränderung.

Das zeigt auch der Evangeliumstext. Auch hier ist das Sehen ein wichtiger Bestandteil der Dramaturgie des Gleichnisses. Jesus erzählt von einem Mann, der überfallen, verprügelt und halb tot liegen gelassen wurde. Dann, in schneller Erzählfolge, lässt er drei Figuren auftreten: Ein Priester kommt, sieht und geht weiter. Ein Levit kommt, sieht und geht weiter. Ein Samaritaner kommt und als er sieht, jammert es ihn. Während der letzte sieht, geschieht etwas mit ihm. Er nimmt sich die Zeit, um richtig hinzusehen und dieses Sehen hat dann eine Folge: Es kommt ein Einsehen.

III. „Einsehen“ möchte ich so verstehen, als damit eine tiefere Form des Sehens gemeint ist: eine Form, die mit Erkennen, Berührt werden und Konsequenzen für mein Handeln verbunden ist.

Der Samaritaner, der hatte ein solches Einsehen. Dreimal sehen, zweimal gehen, aber ihn jammert es. Er sieht richtig hin, sieht den Übersehenen, halb tot Geschlagenen, und hilft, weil es ihn jammert.

Ich wechsele wieder in die Apostelgeschichte: Dort ist es letztlich die Einsicht der Apostel, dass in der Gemeinde Handlungsbedarf besteht, die etwas bewegt. Ihnen selbst ist es jedoch nicht möglich, diese Aufgabe zu übernehmen. Neben den pastoralen Tätigkeiten bleibt kein Raum für diakonische Aufgaben und so werden sieben Männer zum Dienst bestellt. Zur Diakonie.

Und das ist es, wie ich Diakonie auch bis heute gerne verstehen möchte. Geregelte Abläufe und ein diakonisches Werk in allen Ehren. Gut, dass wir als Kirche in dieser Form in unserer Gesellschaft tätig sind. Gleichzeitig braucht es für die Nächstenliebe eine Schule des Sehens. Um wirklich helfen und dienen zu können, muss ich lernen, meinen Nächsten zu sehen.
Das fängt damit an, erst einmal zu sehen, wer denn überhaupt mein Nächster ist. Das scheint dem fragenden Gesetzeslehrer im Evangeliumstext nämlich gar nicht klar zu sein.

Wir brauchen eine Schule des Sehens, damit wir als christliche Gemeinschaft immer wieder dorthin sehen, wo andere Menschen übersehen werden und damit es ein Einsehen geben kann, dass dort der tätige Dienst aus Liebe zum Nächsten folgen muss.

Hinterlasse einen Kommentar