Vom Anziehen des neuen Menschen

I „Was ziehe ich an?“ – Dieser gedachte oder auch laut ausgesprochene Satz morgens vorm Kleiderschrank gehört zu den kleinen Herausforderungen des Alltages. Seit es den sogenannten Sonntagsstaat – die feierliche sonntägliche Kleidung, insbesondere für den Kirchgang – nicht mehr gibt, haben wir die Qual der Wahl. Aber auch montags bis samstags sind wir morgens mit dieser einfachen Frage konfrontiert. Und bei mir meldet sich in diesem Moment sofort mein Gehörgedächtnis und kramt eine alte Kinderkassette von Rolf Zuckowski hervor, um mich in den nächsten Minuten mit einem Ohrwurm zu erfreuen. „Was zieh ich an, was zieh ich an, damit man mich auch gut sehen kann?“ Über viele Jahre ist mir dieser Wurm erhalten geblieben – Danke Rolf.

„Was zieh ich an?“ – das ist bei aller Alltäglichkeit eine wichtige Frage: Ist es warm genug, dem Anlass entsprechend, und, dem Kinderlied von Rolf Zuckowski folgend, ein wichtiger Faktor für die Sicherheit auf dem Schulweg. Wie wir die Frage beantworten, entscheidet mit darüber,  wie wir uns heute fühlen. Wie wir auftreten. Wie gut wir gewappnet sind.

Bei uns zu Hause, wie auch bei vielen anderen Eltern, ist diese Frage zudem Gegenstand einer regelmäßigen Meinungsverschiedenheit über die Außentemperatur und die entsprechende Kleidung. Ich finde: Es ist kalt. Meine Kinder finden: Es geht. Ich finde: Die Jacke wäre gut. Sie finden: Der Pulli reicht. Ich habe gelernt: Meine Kinder haben sehr wohl ein gutes Gespür für die eigene Wärme, und: Im Pulli gehen und die Jacke mitnehmen ist oft ein guter Kompromiss.

Hinter meinem Wunsch, dass meine Kinder eine Jacke anziehen, steckt allerdings keine Pedanterie oder die Einsicht, dass nur ich die Wetter-App richtig lesen kann. Es steckt Fürsorge dahinter. Der Wunsch, sie gut gerüstet hinauszuschicken in eine Welt, die jenseits unserer Haustür liegt. Eine Welt, die nicht nur Sonnenschein kennt. Ich möchte, dass sie angezogen sind gegen Wind und Wetter.

II Szenenwechsel von meiner Haustüre nach Ephesus, wo Paulus an der Türschwelle steht und fürsorglich die dortige Gemeinde anhält, den neuen Gott-gemäßen Mantel anzuziehen, bevor sie hinaus in die Welt gehen.

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. (Eph 4,22-32 BB)

Neben dem fürsorglichen Rat, den neuen Menschen anzuziehen, hat Paulus auch noch eine Menge Ratschläge parat, was ausziehen wäre, bevor die Christen von Ephesus in die Welt hinausgehen: Lügen, Zorn, Diebstahl und faules Geschwätz. Ja: „Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.“

Bei der Fülle der Ansprüche schwirrt mir der Kopf. Wie soll ich all dem denn gerecht werden können? An Ratgeber-Literatur und nützlichen Tipps zur gelungenen Lebensgestaltung herrscht in Lifestyle-Magazinen und von Plakatwänden nun wirklich kein Mangel. „Ändere Dich!“ – „Erfinde dich neu!“ Lautet der eindrückliche Appell. „Neustart! Lust auf ein neues Leben? Das ultimative 5-Punkte-Programm.“

Und wenn das nicht gelingt? Wenn mir der neue Mantel nicht zu passen scheint? Der Ruf nach Veränderung zum neuen Menschen. Die Mahnung zur Wahrheit, zum Guten und Erbaulichen, alles Schlechte und Böse abzulegen … Das klingt oft utopisch, angesichts dessen, was ich alltäglich erfahre.

Mit der Veränderung ist es eben nicht so einfach. Alte Gewohnheiten lassen sich nicht so einfach ablegen. Die alte Kleidung zu bequem und das Eintragen neuer Kleidung zu lästig. Ich kaufe neue Kleider und dann greife ich doch zu meiner Lieblingshose, weil die eben so bequem ist. Was wenn es also nicht gelingt, den neuen Menschen anzuziehen? Muss ich es dann noch mehr versuchen, muss ich dann noch lauter, noch eindringlicher appellieren?

Ich versetze mich wieder in die Situation an meiner eigenen Türschwelle und weiß, je lauter und eindringlicher ich werde, desto geringer ist die Chance, dass meine Fürsorge Erfolg hat. Je länger ich versuche, Verständnis zu erreichen, oder gar Druck ausübe, umso sicherer bleibt die Jacke aus. Nein! Innere und äußere Zwänge zur Veränderung sind weder hilfreich noch gesund. Hier wird der Rat-Schlag sprichwörtlich zum Schlag.

Wie also können wir es schaffen, das neue Gewand anzuziehen und uns zu verändern? Ich darf die warme Jacke für meine Kinder bereithalten. Und wenn der Moment kommt und meine Kinder glauben, dass sie für sie nun passt und richtig ist, dann helfe ich ihnen gerne hinein.

III   Der Epheserbrief sagt: „Das Alte liegt hinter uns schon, ein neuer Mensch ist schon Wirklichkeit geworden.“ Und der will immer wieder neu verwirklicht werden: Wir sollen den alten Menschen ausziehen und den neuen anziehen. Das ist aber kein einmaliger Akt, schon recht keiner, der sich erzwingen lässt, sondern es ist ein Prozess. Der neue Mantel will eingetragen werden. Und Gott-sei-Dank gesteht uns der Text das zu. Denn er besteht nicht nur aus Mahnungen. Gott-sei-Dank hat er einen Mehrwert – eine biblische Spezialität: Denn der Predigttext spricht nicht nur von Veränderung, er spricht uns die Veränderung zu. Der neue Mensch ist schon verwirklicht.

Und darin steckt eines der attraktivsten Versprechen des Christentums: Du kannst neu anfangen – immer wieder – und ein ganz neuer Mensch werden. So lautet auch die Jahreslosung für dieses Jahr und keine Losung der letzten Jahren ist mir so häufig wieder in Sinn gekommen wie diese. „Siehe, ich mache alles neu!“ (Off 21,5)

Neuanfang! Das ist für mich die griffige Übersetzung der religiös aufgeladenen Wörter Versöhnung oder Vergebung. Ich darf neu anfangen, obwohl ich wieder in alte Muster verfallen bin… Obwohl ich als Mensch immer wieder daneben liege… Obwohl es mir nicht gelingt, den alten Menschen abzulegen… Gott vergibt mir — Neuanfang!

IV   Wie es aussehen kann, wenn wir den neuen Menschen anziehen, davon gibt uns das Ende des Textes eine Idee. „Werdet einander gütig, mitfühlend und vergebt einander, so wie auch Gott in Jesus Christus euch vergeben hat.“

Vergebung, das ist für meinen christlichen Glauben und für mein daraus wachsendes Menschenbild zentral. Der Mantel aus Scham und Schuld, den ich trage – ich kann ihn ablegen. Und mehr noch, Gott sagt: „Komm, ich helfe dir hinaus. Zieh ihn aus, den alten Menschen. Du musst deine Schuld nicht mit dir herumtragen. Ich habe den neuen Mantel schon an deine Tür gehängt. Du kannst neu anfangen. Du musst ihn nur anziehen.“

Ja, anziehen müssen wir ihn dann schon selber. Und wenn wir das tun. Wenn wir spüren, auch wenn es hier und da vielleicht noch zwickt, im neuen Gewand. Wenn wir spüren, dass es sich leicht trägt, dass unser Gang sich wieder aufrichtet, dann gelingt uns das vielleicht: Gütig und mitfühlend miteinander zu sein und einander zu vergeben. Und dann ist etwas vom neuen Menschen schon verwirklicht.

Neuanfang ist möglich – immer. Und Gott hat den neuen Mantel schon am Haken neben deiner Tür bereit gehängt.

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