Von der Revolution des Eigentlichen

I „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komme ich so selten dazu.“ Das ist einer dieser Sätze, die man auf Postkarten findet. Etwas abgedroschen, aber auch irgendwie passend, wenn ich wieder einmal hinter meinen Ansprüchen zurückbleibe. Ein Satz, der sich mit einem gewissen Augenzwinkern selbst nicht allzu ernst nimmt.

Eigentlich wollte ich geduldiger sein. Eigentlich wollte ich nicht sofort urteilen, nicht gleich widersprechen, nicht jede Bemerkung auf die Goldwaage legen. Und dann kommt eine Situation über mich und ehe ich mich versehe, habe ich genau das getan, was ich eigentlich nicht tun wollte.

Wir Menschen sind paradoxe Wesen und widersprechen ständig uns selbst. Wir sind Wesen mit einem moralischen Kompass, aber offenbar nicht immer in der Lage, seinem Zeiger zu folgen. Wir können das Gute erkennen und uns dennoch anders entscheiden. Wir können wissen, was richtig wäre, und trotzdem das Falsche tun.

Sofern es sich dabei um Kleinigkeiten handelt, kann ich mithilfe solcher Postkartensprüche und einer Portion Selbstironie darüber lachen. Manchmal wird aus dem humorvollen Abstand zu mir selbst allerdings eine schmerzhafte Enttäuschung. Wenn ich wiederholt scheitere und es mir nicht gelingt, in Übereinstimmung mit mir selbst zu leben. Dann heißt es nicht mehr: Eigentlich bin ich ganz anders. Dann heißt es: Was stimmt eigentlich nicht mit mir? Aus dieser Frage kann dann ein Abgrund werden. Aus Enttäuschung über das eigene Handeln wird Verachtung der eigenen Person. Das „Eigentlich“ wird zur Anklage.

Ich stelle also erst einmal fest: Ich lebe in einer mehr oder weniger großen Spannung zwischen dem, was ich sein will, und dem, was ich tue.

II Im siebten Kapitel des Römerbriefs beschreibt Paulus diese Erfahrung eines Lebens in Spannung zwischen Wirken und Tun:

Wir wissen ja: Das Gesetz ist vom Geist Gottes bestimmt. Ich dagegen bin als Mensch ganz von meiner menschlichen Natur bestimmt. Ich bin mit Haut und Haaren an die Sünde verkauft. Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue. Ich tue also das, was ich eigentlich nicht will. Das beweist: Ich stimme dem Gesetz innerlich zu und erkenne an, dass es recht hat. Aber dann bin nicht mehr ich es, der so handelt. Es handelt vielmehr die Sünde, die in mir wohnt. Ich weiß: So wie ich von Natur aus bin, wohnt in mir nichts Gutes. Der Wille zum Guten ist bei mir zwar vorhanden, aber nicht die Fähigkeit, es zu tun. Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute. Sondern ich tue das, was ich nicht will – das Böse. Ich tue also das, was ich nicht will. Das bedeutet: Ich bin nicht mehr der Handelnde. Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt. Ich entdecke also bei mir folgende Gesetzmäßigkeit: Obwohl ich das Gute tun will, bringe ich nur Böses zustande. Meiner innersten Überzeugung nach stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freude zu. Aber in meinen Gliedern nehme ich ein anderes Gesetz wahr. Es liegt im Streit mit dem Gesetz, dem ich mit meinem Verstand zustimme. Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt. Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Kann mich denn niemand davon befreien? Doch! Und dafür sei Gott Dank durch Jesus Christus, unseren Herrn! So gilt nun: Mit meinem Verstand diene ich zwar dem Gesetz Gottes. Aber so wie ich von Natur aus bin, diene ich dem Gesetz der Sünde. (Röm 7,14-25 BB)

„Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute. Sondern ich tue das, was ich nicht will – das Böse.“

Das ist keine Postkartenweisheit mehr. Hier wird nicht über menschliche Unvollkommenheit geschmunzelt. Hier spricht jemand, der die Erfahrung des eigenen Scheiterns bis in seine letzte Konsequenz durchdenkt. „Ich, unglücklicher Mensch!“ urteilt Paulus.

Er kennt den Wunsch, das Gute zu tun. Er kennt die Zustimmung zum Guten. Er kennt die Freude an Gottes Gesetz, wie er es nennt. Er weiß, dass es etwas gibt, das richtig ist, etwas, dem sein Leben entsprechen soll. Und doch erlebt er sich selbst als jemanden, der diesem Anspruch nicht gerecht wird.

Dabei sind „gut“ und „böse“ ganz schön große Worte für vieles, was wir im Alltag erleben. Nicht jede Ungeduld ist Bosheit. Nicht jeder falsche Ton ist gleich eine Sünde. Und nicht jede verpasste Gelegenheit, freundlich zu sein, macht uns zu schlechten Menschen. Aber gerade im Kleinen wird etwas Grundsätzliches sichtbar: Wir sind nicht immer die Menschen, die wir sein möchten. Und noch mehr: wir können es gar nicht sein.

Ich bin mir manchmal gar nicht sicher, ob darin etwas Erleichterndes oder etwas sehr Unbequemes verborgen liegt. Denn allzu gerne höre ich doch, dass ich mich nur genügend anstrengen muss. Ich möchte doch glauben, dass ich mich mit der richtigen Einsicht, der richtigen Methode und einer ausreichend langen Liste guter Vorsätze zuverlässig in den Menschen verwandeln könnte, der ich sein will.

Paulus lässt mich an dieser Stelle nicht so leicht davonkommen. Sein Text führt vielmehr zu einer Frage, die sich nicht mehr durch Selbstoptimierung beantworten lässt. Er fragt nicht danach, wie es denn nun endlich gelingen kann, dass ich das Gute tue, das ich tun will. Der Zug ist abgefahren. Die entscheidende Frage, da ich aus dieser Spannung zwischen Wollen und Tun nicht herauskommen kann, lautet: Wer wird mich erlösen? Und damit öffnet sich der Raum für eine der zentralen Einsichten des christlichen Glaubens.

III  Die Antwort liegt außerhalb meiner eigenen Leistungsfähigkeit: in Jesus Christus, in Gottes Handeln am Menschen. Und hier kommen wir zur Rechtfertigungslehre. Sie gehört zu den zentralen Einsichten des Paulus und wurde rund 1500 Jahre später von Martin Luther in besonderer Weise neu zur Geltung gebracht. In der reformatorischen Theologie bezeichnet Rechtfertigung die Einsicht, dass der Mensch vor Gott nicht bestehen kann – eigentlich. Aber aus Liebe und Gnade wird er angenommen und befreit. Eigentlich können wir vor Gottes Gesetz nicht bestehen. Und trotzdem sind wir befreit.

IV In diesem Zusammenhang ist für mich ein Gedanke des Soziologen Hartmut Rosa besonders spannend. In seinem Buch Situation und Konstellation beschäftigt er sich mit der Frage, was geschieht, wenn Menschen immer weniger handeln, sondern vorgegebene Abläufe lediglich vollziehen.

Unter Vollzug versteht er das Ausführen von Regeln, Vorgaben und Routinen. Unser Verhalten ist dabei weitgehend durch eine bestehende Ordnung bestimmt. Handeln dagegen setzt einen Spielraum voraus: die Fähigkeit, eine konkrete Situation wahrzunehmen, sie zu beurteilen und auf sie angemessen zu antworten. Dazu gehören Urteilskraft, Augenmaß und Fingerspitzengefühl.

Wenn ich z.B. zwei Minuten nach Ladenschluss noch zum Bäcker gehe, ist dort eigentlich schon geschlossen. Ich freue mich allerdings, wenn der oder die Verkäufer:in einen Spielraum hat und mir trotzdem noch ein Brot verkauft. Ähnliches lässt sich im Sport beobachten. Ein Schiedsrichter muss sich an ein Regelwerk halten. Aber die Anwendung einer Regel ist nicht immer schon durch ihren Wortlaut erschöpft. Er muss Situationen wahrnehmen, Absichten und Abläufe beurteilen und gegebenenfalls mit Augenmaß entscheiden.

Wenn aus Menschen bloße Funktionsträger werden, verschwindet der Spielraum. Dann bleibt für das Besondere einer Situation, für das Unerwartete und für die konkrete Not eines Menschen kaum noch Platz. Und hier scheint mir eine fruchtbare Parallele zur Rechtfertigungslehre zu liegen. Auch die Rechtfertigungslehre nimmt das Gesetz ernst. Sie tut nicht so, als gäbe es keinen Maßstab für das Gute. Sie bestreitet nicht, dass unser Handeln beurteilt werden kann und dass wir für das, was wir tun, Verantwortung tragen. Aber sie bestreitet, dass der Mensch durch den Vollzug des Gesetzes seine Rechtfertigung vor Gott herstellen könnte. Gott aber bleibt nicht beim bloßen Vollzug eines Urteils nach dem Gesetz stehen. Er räumt sich selbst und damit uns einen Spielraum der Gnade ein. Er spricht den Menschen frei.

V Und das hat nicht nur Folgen für meine Gottesbeziehung, sondern für mich beeinflusst die Erfahrung von Gottes Spielraum der Gnade auch mein Verhältnis zu meinen Mitmenschen — und es ist der Ausgangspunkt einer Revolution des Eigentlichen.

Vielleicht besteht die entscheidende Konsequenz der Rechtfertigungslehre deshalb darin, dass wir das „Eigentlich“ auch anderen zugestehen. Eigentlich hätte dieser Mensch anders handeln sollen. Eigentlich hätte er sich entschuldigen müssen. Eigentlich hätte sie verstehen können, wie mich ihre Worte betrüben. Eigentlich müsste ich jetzt widersprechen, eine Grenze ziehen oder deutlich machen, dass ich mir das nicht gefallen lasse. Und manchmal stimmt das alles. Aber zwischen dem, was eigentlich geschehen müsste, und dem, was ich in dieser konkreten Situation tun werde, kann ein Spielraum entstehen. Ein Raum, in dem ich nicht zwangsläufig tun muss, was mein erster Impuls mir nahelegt.

Das ist für mich die Revolution des Eigentlichen: Wenn aus dem „Eigentlich“ ein Raum der Freiheit wird. Das wäre eine Revolution, die nicht mit großen Parolen beginnt, sondern mit kleinen Unterbrechungen: mit einem Atemzug, bevor wir antworten; mit einer Frage, bevor wir urteilen; mit einem Moment des Zuhörens, bevor wir die Tür schließen. Nicht alles zu tun, was wir für unser gutes Recht halten. Nicht jeden Menschen auf das festzulegen, was er gerade getan hat. Denn wir leben selbst von einer Gnade, die uns nicht auf das festlegt, was wir getan haben.

Und vielleicht ist das die eigentliche Freiheit der Kinder Gottes: Dass wir uns nicht daran abarbeiten, öfter die zu sein, die wir eigentlich sind und uns das zu beweisen, sondern wir sind gerade darin eigentlich ganz anders, weil wir daran glauben, als fehlerhafte Wesen angenommen zu sein. Das ist die Revolution des Eigentlichen: dass wir einander und auch uns selbst im Spielraum der Gnade begegnen und dass wir so in der Nachfolge Christi in der Welt handeln.

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Antwort

  1. Avatar von delightfulc594e74c95

    Dankeschön für den Text!

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